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Aktuelles & Presse >> 2012Keine Lust auf Frust
Jugendliche aus Haßloch und Speyer haben über das Programm "Ida" (Integration durch Austausch) ein Praktikum im Ausland absolviert - Neue Perspektiven
Von Marika Schiller
Sie kommen zurück in die Pfalz, und ihr Leben fühlt sich anders an. Endlich wissen sie, was sie beruflich wollen. Vieles scheint plötzlich möglich, trotz problematischer Schullaufbahn. Sascha L. aus Haßloch (19) und Eriwan Aslan aus Speyer (17) haben über das Programm „Ida“ (Integration durch Austausch) ein Praktikum im Ausland absolviert, das sie nun beflügelt, Perspektiven zu sehen – und zu nutzen.
Lernen bedeutete Frust für sie. Niederlagen, mitunter Scherereien. Bis zu diesen vier Wochen am Ende des vergangenen Jahres. Als sie sich für ein Praktikum im Ausland qualifizieren konnten. Umgeben von fremden Menschen, einer anderen Sprache und Kultur, spürten sie plötzlich Interesse und Neugierde. Spürten Lust, sich einzubringen und die Kraft, ihren eigenen Lebensweg gestalten zu können. Wenn Sascha L. aus Haßloch und Eriwan Aslan aus Speyer von ihren Erfahrungen in einem Fünf-Sterne- Hotel in Norditalien und einem ungarischen Friseursalon erzählen, hören sie nicht auf zu lächeln. So viel Angenehmes ist ihnen dort wiederfahren, dass es nachwirkt.
Sascha hat gemerkt, was es bedeutet, wenn er helfen kann. Wenn er für andere wichtig ist. In Motta di Livenza bewegte sich der 19-Jährige unter Landsmännern. Sein fließendes Italienisch war ihm im Hotel endlich einmal von Vorteil. Also fungierte er als Übersetzer zwischen dem anleitenden Personal und den anderen Praktikanten. Konnte bei Missverständnissen vermitteln und erklären, wenn Hände und Füße nicht ausreichten. „Ich wurde gebraucht“, sagt Sascha. „Ein gutes Gefühl.“ Anders als in Deutschland. Hier steckte der Schulabbrecher und Sohn von Eltern mit HartzIV-Bezug in einer Aktivierungsmaßnahme des Jobcenters. Genauer: in der Malerwerkstatt des Christlichen Jugenddorfwerks (CJD) Neustadt. Bock hatte er darauf keinen. Pünktlich kam er morgens eher selten. Allerdings wurde er dort aufmerksam auf das Mobilisierungsprogramm, bewarb sich schriftlich, legte dar, warum er so gerne für ein Praktikum nach Italien wollte.
Sascha überzeugte. Auch beim anschließenden dreitägigen Seminar, wo die Bewerber auch in Sachen sozialer Kompetenz und Teamfähigkeit genau unter die Lupe genommen werden. „Wer hier nicht ausreichend punkten kann, darf nicht mitfahren“, erklärt Jasmin Fleischmann vom CJD-Neustadt, die die „Ida“-Projektstelle Südpfalz/Ludwigshafen leitet. Eine wiederholte Bewerbung indes sei möglich. Mehr als 100 Jugendliche sind bislang in den Genuss einer solchen Auslandserfahrung gekommen, die Schülern von Hauptschulen sonst in der Regel nicht zu Teil wird. „Die aber über den Tellerrand hinausschauen lässt und ganz neue Handlungsspielräume eröffnet.“ Fleischmann kennt zahlreiche Jugendliche, die nach einer weniger glücklichen oder gescheiterten Schullaufbahn, kaum Möglichkeiten für ihre berufliche Entwicklung sehen. Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz würden meist nur im direkten Umfeld zum Wohnort verschickt und damit viel Potenzial verschenkt.
Sascha möchte in der Branche bleiben, in der er sich in Italien so wohl gefühlt hat. Auch wenn er bereits eine Ausbildung zum Restaurantfachmann geschmissen hat, sagt er mit fester Stimme: „Im Sommer habe ich eine Stelle als Hotelfachmann.“ Sein neues Selbstbewusstsein gibt ihm Schwung, das Zertifikat über seinen Einsatz in dem Sterne-Hotel, die er den Bewerbungen nun beilegen kann, motiviert ihn zusätzlich. Saschas großes Ziel: als gemachter Hotelfachmann in Italien arbeiten. Dort, wo er Boden unter den Füßen spürte, wo seine Wurzeln sind. In der Malerwerkstatt sei er seit seinem Praktikum übrigens nicht einmal mehr zu spät erschienen, bestätigt ihm Fleischmann, für die Saschas Erlebnisse für den Erfolg dieses Praktikums stehen, auf das für über 80 Prozent der Teilnehmer ein Ausbildungsplatz folgte. Dabei steht der berufliche Aspekt, die Praktikumsstelle als solche, für Fleischmann nicht an erster Stelle. „Vor allem geht es darum, das Selbstvertrauen der jungen Leute zu stärken.“
Eriwan Aslan fühlt sich gestärkt. Auch wenn sie später nicht in einem Friseursalon arbeiten möchte, wie sie dies mit zwei anderen jungen Frauen während des „Ida“-Praktikums im ungarischen Dabas tat. Wo sie an Puppenköpfen frisierte oder auch mal an den Haaren anderen Praktikantinnen ihr Geschick erproben durfte. „Uns erschien jeder Tag aufregend und neu“, erzählt die 17-Jährige, die zusammen mit ungarischen Auszubildenden in einem Internat der mit „Ida“ kooperierenden Berufsschule untergebracht war. Nicht zuletzt weil am Wochenende Ausflüge nach Wien oder Budapest angesagt waren, sie die zurückliegenden Tage mit der Betreuerin Revue passieren ließen, zusammen einkauften und kochten. „Ich würde das sofort wieder machen“, sagt Eriwan, die sich jetzt für einen Platz an der Mannheimer Akademie für soziale Berufe bewerben möchte, um in zwei Jahren ihre mittlere Reife zu erlangen. Ihr großer Traum: als Aupair in den USA zu arbeiten. „Ich habe große Lust, die Welt zu sehen.“
Kontakt
Jugendliche, die sich im Übergang von der Schule zum Beruf befinden oder gerade eine Ausbildung abgeschlossen haben, können sich bewerben: Christina Pohlmann, Jasmin Fleischmann, Ida_Projektstelle_Ludwigshafen@cjd.de, Telefon 0621 59132944, www.erfahrung-durch-austausch.de.
Stichwort
Das "Ida"-Programm
Jungen Leuten zwischen 17 und 24 Jahren bietet das Programm „Ida“ (Integration durch Austausch) die Möglichkeit, in vier Wochen die Arbeitswelt, Sprache und Kultur eines europäischen Landes aus erster Hand kennen zu lernen und so ihre Chancen für den Berufseinstieg zu verbessern. Noch bis Ende 2012 wird das Programm vom Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) und dem Zentrum für Arbeit und Bildung Frankenthal (ZAB) im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und mit Unterstützung der zuständigen Agenturen für Arbeit und Jobcenter angeboten. Durch die Förderung der EU sind Reise, Unterkunft und Sprachkurs kostenlos. (ikx)
Quelle: Die Rheinpfalz, 01.02.2012
Letzte Änderung: 09.02.2012 am 09:00:45



