Aktuelles & Presse
Aktuelles & Presse >> 2011Mit meinem Zeugnis hatte ich keine Chance
Jugendliche ohne Job können über das Programm Integration durch Austausch (Ida) ein Praktikum im Ausland machen
VON KATHRIN BRÄUER
Für Jugendliche mit schlechten Zeugnissen oder Schulabgänger ohne Abschluss ist es schwierig, einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Über das bundesweite Projekt Ida (Integration durch Austausch) können sie in Betrieben im Ausland ein Praktikum machen und dadurch ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Das Zentrum für Arbeit und Bildung (ZAB) in Frankenthal und das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) pflegen dafür Kontakte nach Italien und Ungarn.
Im italienischen Motta di Livenza oder im ungarischen Dabas können auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbare Jugendliche aus der Region vier Wochen lang einen Einblick in die Berufspraxis bekommen, erläutern die Projektleiterinnen Christina Pohlmann vom ZAB Frankenthal und Jasmin Fleischmann vom CJD. „Es sind häufig Jugendliche mit familiären Problemen, die keine Perspektive haben. Mit dem Programm bekommen sie eine berufliche Chance“, unterstreicht Pohlmann „76 Prozent erhalten nach ihrem Auslandsaufenthalt eine Anschlussperspektive. Die Jugendlichen können dann eine Ausbildung machen oder ihren Schulabschluss nachholen." Das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales initiierte Programm richte sich an Schulabbrecher und -abgänger, Schüler im Berufsvorbereitungsjahr, an Arbeits- und Ausbildungssuchende sowie an Jugendliche, die nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung keinen Job finden.
Auch Alisha Reimann aus Beindersheim hat die Schule ohne Abschluss verlassen. „Das Auslandsprogramm war für mich eine echte Chance. Ich wollte einen Metall- oder Holzberuf erlernen. Aber mit meinem schlechten Zeugnis hatte ich keine Chance. Auch die Maßnahmen des Arbeitsamtes habe ich abgebrochen", erklärt Alisha. „Durch einen Freund habe ich von dem Projekt erfahren. Ich telefonierte mit Frau Pohlmann und bin dann nach Motta di Livenza gefahren." Dort habe sie erste Erfahrungen als Metallbauerin sammeln können. Die vier Wochen hätten sie in ihrem Vorhaben bestärkt, einen handwerklichen Beruf zu erlernen, berichtet Alisha. Nach ihrem Italien-Aufenthalt habe sie prompt einen Aushilfsjob bekommen. „Ich werde jetzt meinen Schulabschluss nachholen."
Positiv wirkte sich die Zeit in einem ungarischen Betrieb für Yella Himmelmann aus Neustadt aus. „Ich hatte nach meinem Schulabschluss keinen Ausbildungsplatz und wurde vom Arbeitsamt in verschiedene Maßnahmen gesteckt. Ich dachte, wenn ich nach Dabas gehe, macht sich das im Lebenslauf bestimmt gut", erzählt die 21-Jährige. „Im Anschluss habe ich tatsächlich einen Ausbildungsplatz im Büro gefunden." Jennifer Schilling aus Meckenheim, die gemeinsam mit Yella in Ungarn war, schnupperte in das Arbeitsleben einer Schneiderin hinein. Mit der fremden Sprache habe es keine Probleme gegeben, sagt sie. „Das war nicht so schlimm wie die Zeit ohne meine Zwillingsschwester. Die Frauen im Schneidereibetrieb sprachen zwar weder Deutsch noch Englisch, aber mit Händen und Füßen funktionierte die Verständigung gut." Auch mit kleinen Schwierigkeiten kamen die jungen Frauen zurecht. „In Ungarn war der Supermarkt sehr weit weg und die Tomatensuppe konnte man nicht essen. Ich habe dann am Wochenende für uns selbst gekocht. So habe ich gelernt, für mich und mehrere Leute zu kochen", erzählt Yella. Ob Italien oder Ungarn, Einigkeit herrscht bei allen drei jungen Frauen: „Wir würden die vier Wochen sofort noch einmal machen."
Untergebracht werden die Teilnehmer in Italien in einer Pension, wo sie mit ihren Betreuern unter einem Dach leben. In Ungarn schlafen die Jugendlichen im Internat. Die Kontakte nach Italien und Ungarn sind laut Christina Pohlmann nicht plötzlich entstanden. „Ein Netzwerk gab es schon länger. Daher haben sich die beiden Länder angeboten. Wir kooperieren mit Berufsschulen, die Kontakte zu Partnerbetrieben haben", so die Projektleiterin. Jasmin Fleischmann ergänzt: „In Ungarn gibt es eine Berufsschule mit eigenen Werkstätten. Das ist ein geschützter Rahmen, in dem die jungen Leute ihren Beruf erlernen. Auch in einem ausgelagerten Friseur- und Lebensmittelgeschäft wird das Handwerk erlernt. Die Betreuung wird dort von unseren Mitarbeitern durchgeführt, die viel Erfahrung mit der Zielgruppe haben."
Auch umgekehrt funktioniert das Projekt: Junge Italiener und Ungarn arbeiteten bereits im Gegenzug in hiesigen Firmen. Fleischmann: „Die jungen Männer hatten große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Aber die Betriebe waren so zufrieden, dass drei von ihnen ein Jobangebot bekamen."
Zur Sache: Das Programm Ida
Das Programm Ida (Integration durch Austausch) arbeitet bundesweit mit Partnerorganisationen daran, benachteiligten Jugendlichen Ausbildungs- und Beschäftigungschancen zu ermöglichen. Ins Leben gerufen wurde lda vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Deutschlandweit sind 70 Organisationen und Einrichtungen beteiligt.
In der Region wird das Projekt gemeinsam vom Zentrum für Arbeit und Bildung in Frankenthai (ZAB) und dem Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) mit Unterstützung von Arbeitsagenturen und Jobcentern durchgeführt. Bisher wurden neun Auslandsaufenthalte mit über 90 Teilnehmern organisiert. Die Teilnahme ist kostenlos. Zuschüsse gibt es zu Verpflegungs- und Übernachtungskosten. Auch die Hin- und Rückfahrt werden bezahlt. In den Berufsbildungszentren vor Ort werden Sprachkurse angeboten. Zu einem Praktikumstermin reisen acht bis zehn Jugendliche. Das Mindestalter beträgt 17 Jahre.
Der nächste Termin steht schon fest: 6. März bis 4. April 2012. Interessierte können sich bei der Ida-Projektstelle melden, Telefon 0621 59132944 oder E-Mail Ida_Projektstelle_Ludwigshafen@cjd.de. (äue)
Quelle: Die Rheinpfalz, 26.10.2011
Letzte Änderung: 28.10.2011 am 08:53:53



